Was unterscheidet transformative Atemarbeit von alltäglicher Atemarbeit?
Bewusste Atemarbeit hat tiefe Wurzeln: In östlichen Traditionen wie dem indischen Pranayama, dem tibetischen Tummo, der chinesischen Qi-Atmung oder auch schamanischen Ritualen wurde der Atem seit Jahrtausenden als Schlüssel zu Energie, Bewusstsein und Heilung genutzt. Seither haben sich viele Strömungen entwickelt. Folglich bezeichnet Atemarbeit oder Breathwork heute sehr unterschiedliche Methoden. Sie reichen von einfachen Atemübungen zur Stressregulation bis hin zu intensiven, bewusstseinsverändernden Prozessen mit therapeutischem und transformativem Anspruch. Vereinfacht dargestellt, lassen sich die verschiedenen Techniken und Schulen zwei grundlegenden Feldern zuordnen, der alltäglichen Atemarbeit und der transformativen Atemarbeit.
Dieser Artikel beleuchtet die Eigenschaften der alltäglichen Atemarbeit und der transformativen Atemarbeit und stellt sie in einen Vergleich.
Kurzer Exkurs: Der Atem als Schnittstelle zwischen Körper, Nervensystem und Bewusstsein
Der Atem nimmt im menschlichen Organismus eine Sonderstellung ein. Er ist einerseits ein autonomer Prozess, der vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird, und andererseits bewusst beeinflussbar.
Diese Besonderheit macht ihn zu einem direkten Zugang zu:
körperlichen Spannungszuständen
emotionalen Reaktionsmustern
neuronalen Stress- und Entspannungsmechanismen
Bewusstseinszuständen
Je nachdem, wie der Atem eingesetzt wird, wirkt Breathwork eher regulierend, stabilisierend und ausgleichend – oder aktivierend, öffnend und tiefgreifend transformierend.
Alltägliche Atemarbeit – Regulation, Stabilisierung und Selbstfürsorge
Die alltägliche Atemarbeit umfasst Atemtechniken, die einfach erlernbar sind und meist selbstständig praktiziert werden. Sie sind darauf ausgelegt, den Organismus zu regulieren und das Nervensystem in einen ausgeglicheneren Zustand zu führen.
Typisch für diese Form der Atemarbeit ist:
eher kurze Dauer
klare Struktur
zumeist geringe Intensität
hohe Alltagstauglichkeit
Beispiele für alltägliche Atemtechniken sind:
Buteyko-Atmung
4-7-8-Atmung
Kohärente Atmung
Box Breathing
verlängerte Ausatmung
sanfte Bauchatmung
Diese Techniken wirken überwiegend parasympathisch, also beruhigend auf das Nervensystem.
Ziele der alltäglichen Atemarbeit
Ziele der alltäglichen Atemarbeit umfassen u.a.
Verbesserung der Schlafqualität
Reduktion von Stress und innerer Unruhe
Linderung akuter Angstzustände
Förderung von Achtsamkeit und Präsenz
Unterstützung bei Atemproblemen oder funktionellen Beschwerden
Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit
Sie sind ein wertvolles Werkzeug der Selbstregulation und Gesundheitsprävention. Ihr Fokus liegt nicht auf tiefen emotionalen oder biografischen Prozessen, sondern auf Stabilisierung und Ausgleich.
Transformative Atemarbeit – Selbsterfahrung, Bewusstseinsveränderung und Entwicklung
Die transformative Atemarbeit verfolgt ein grundlegend anderes Ziel. Hier geht es nicht um Regulation im engeren Sinne, sondern um Öffnung, Aktivierung und Bewusstseinsveränderung.
Sie findet fast immer statt in:
einem angeleiteten Rahmen
einem geschützten Setting
professioneller Begleitung
längeren Sitzungen
Bekannte Richtungen sind unter anderem:
Holotropic Breathwork
Rebirthing Breathwork
Conscious Connected Breathing in intensiver Form
Integrative Atemtherapie
Shamanic Breathwork
Gemeinsam ist ihnen:
ein verbundener, rhythmischer Atem
hohe Aktivierung des Nervensystems
das bewusste Herbeiführen sogenannter Non-Ordinary States of Consciousness (veränderter Bewusstseinszustände)
Was sind Non-Ordinary States of Consciousness?
Veränderte Bewusstseinszustände sind Zustände, in denen sich Wahrnehmung, Körperempfinden, Emotionen und Denken deutlich vom Alltagsbewusstsein unterscheiden. In Atemsitzungen können sie es ermöglichen, psychografisches Material an die Oberfläche zu bringen und erlebbar zu machen, wie
intensive Körperempfindungen
emotionale Durchbrüche
biografische Erinnerungen
symbolische oder archetypische Bilder
transpersonale Erfahrungen
tiefe Einsichten in persönliche Muster
In diesen Zuständen wird auch das implizite Gedächtnis aktiv. Erfahrungen, die nicht sprachlich, sondern körperlich und emotional gespeichert sind, können zugänglich und integrierbar werden.
Ziele der transformativen Atemarbeit
Transformative Atemarbeit zielt nicht primär auf Entspannung, sondern auf Entwicklung und Integration. Typische Wirkfelder sind u.a.:
Lösung tief verankerter Stress- und Spannungsmuster
Verarbeitung emotionaler und präverbaler Erfahrungen
Integration traumatischer Erlebnisse
Auflösung limitierender Glaubens- und Beziehungsmuster
Stärkung der Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit
Förderung persönlicher Reifungs- und Bewusstseinsprozesse
Sie wirkt ganzheitlich auf körperlicher, emotionaler, mentaler und existenzieller Ebene.
Der entscheidende Unterschied: Regulation versus Transformation
| Aspekt | Alltägliche Atemarbeit | Transformative Atemarbeit |
|---|---|---|
| Ziel | Zumeist regulative Atemtechniken, die das Nervensystem gezielt beruhigen, teilweise auch anregen sollen | Stark aktivierende, psychodynamisch wirksame Atemtechniken, die Zugang zu unterbewussten Prozessen herstellen sollen |
| Wirkprinzip | Regulation und Stabilisierung des autonomen Nervensystems | Aktivierung, Öffnung und Integration unbewusster Inhalte |
| Atmung | Gesteuert, rhythmisch, oft langsam (z. B. 4 Sekunden ein, 7 halten, 8 aus) | Intensiv, oftmals verbunden, d. h. ohne Pausen zwischen Ein- und Ausatmen |
| Dauer | Kurz (1–15 Minuten), leicht in den Alltag integrierbar | Längere Sessions (60–120 Minuten und länger), im therapeutischen oder rituellen Setting |
| Setting | Alltagstauglich, alleine durchführbar | Geschütztes, bewusst gestaltetes Setting |
| Begleitung | Meist nicht erforderlich – Selbstanwendung möglich | Ja – idealerweise durch erfahrene Facilitator:innen oder Therapeut:innen |
| Erfahrungsraum | Alltagsnah, gegenwärtig, stabilisierend | Tiefgreifend, oft konfrontativ, potenziell spirituell |
| Bewusstsein | Arbeit im normalen Wachbewusstsein | Arbeit in Non-Ordinary States of Consciousness (veränderten Bewusstseinszuständen) |
| Einsatz | Stressbewältigung, Resilienzaufbau, Energieentwicklung, Achtsamkeit, Schlafverbesserung, Selbstregulation | Bewusstseinserweiterung, Selbsterfahrung, Verarbeitung von Material aus dem Unterbewusstsein |
| Mehrwerte | Entspannung, emotionale Stabilität, körperliche Balance, mentale Klarheit | Lösung tief verankerter Spannungen, Integration biografischer und emotionaler Inhalte, persönliche und spirituelle Entwicklung |
| Risiken | Gering, bei korrekter Anwendung | Höher – Kontraindikationen wie psychotische Zustände, Schwangerschaft, Herzerkrankungen u. a. müssen beachtet werden |
Fazit
Breathwork ist kein einheitliches System, sondern ein Spektrum verschiedener Methoden, Techniken und Schulen. Am einen Ende stehen Atemtechniken zur Stressreduktion und Gesundheitsförderung. Am anderen Ende stehen tiefgreifende, bewusstseinsverändernde Verfahren zur Selbsterfahrung und Transformation.
Wer versteht, wo sich eine Methode auf diesem Spektrum bewegt, kann sie gezielt und verantwortungsvoll einsetzen – für mehr Stabilität im Alltag oder für echte innere Entwicklung.
Quellen
McKeown, P. (2022). Atme und heile dich selbst
Nestor, J. (2021). Breathe - Atem