Holotropes Atmen nach Stanislav Grof – Wenn Atem zur Tiefenreise wird
© Johannes Plenio
Holotropes Atmen ist keine „Atemtechnik“ im üblichen Sinn. Es ist ein präzise gestaltetes Setting, in dem Atem, Musik, Körper und Psyche zusammenwirken dürfen – mit dem Anspruch, innere Prozesse nicht zu machen, sondern geschehen zu lassen. Wer davon hört, spürt oft zwei Impulse gleichzeitig: Neugier („Was passiert da eigentlich?“) und Respekt („Ist das nicht zu intensiv?“). Beides ist angemessen. Holotropes Atmen kann Menschen tief berühren – und es verlangt einen Rahmen, der diese Tiefe tragen kann.
Dieser Artikel beleuchtet den Ursprung und Mehrwert von Holotropic Breathwork, erklärt, wie eine Sitzung ganz allgemein abläuft und was man dabei erleben kann.
Woher Holotropes Atmen kommt
Holotropes Atmen entstand aus einem historischen Umbruch: Stanislav Grof hatte als Psychiater und Bewusstseinsforscher intensiv mit psychedelisch ausgelösten Bewusstseinszuständen gearbeitet. Als diese Arbeit aus rechtlichen Gründen stark eingeschränkt wurde, entwickelte er – gemeinsam mit Christina Grof – ein Verfahren, das ohne Substanzen einen Zugang zu ähnlichen Prozessqualitäten ermöglicht.
Der Name „holotrop“ bedeutet sinngemäß „in Richtung Ganzheit“ (holos = ganz; trepein = sich hinwenden). Das ist mehr als ein schöner Begriff: Er markiert die Grundannahme, dass innere Prozesse eine Richtung haben können – nicht zwangsläufig „angenehm“, aber potenziell integrierend, wenn das Setting stimmt.
Holotropes Atmen gilt heute neben Rebirthing als eine der beiden grundlegenden Formen der transformativen Atmearbeit.
Was Holotropes Atmen ist
Holotropes Atmen ist ein erlebnisorientiertes Verfahren der Selbsterfahrung, das beschleunigte Atmung mit evokativer Musik, einem klaren Set-und-Setting und einer strukturierten Prozessbegleitung kombiniert, um veränderte Bewusstseinszustände zu ermöglichen.
Wichtig ist die Perspektive, die Grof betont: Die Methode will keine Inhalte „produzieren“. Sie will Bedingungen schaffen, unter denen sich der Prozess der Psyche von innen heraus entfalten kann.
Was es besonders macht
Viele Breathwork-Formate arbeiten mit ähnlicher Grundidee („Atem verändert Zustand“). Holotropes Atmen unterscheidet sich jedoch in mehreren Punkten – und genau diese Besonderheiten machen den Charakter aus:
Das Verfahren ist eine Dramaturgie, kein „Workshop“: Holotropes Atmen arbeitet oft mit einem Musikbogen, der Zustände trägt und strukturiert: Aktivierung, Intensivierung, Öffnung, Erdung. Es ist weniger „Technikvermittlung“ als eine bewusst gestaltete Erfahrungsreise. 
Rollenstruktur – Breather und Sitter: Typisch ist die Dyade: Eine Person „atmet“, die andere ist als Sitter präsent – wach, unterstützend, nicht interpretierend. Das ist ein Sicherheits- und Haltfaktor und ein zentrales Merkmal holotroper Settings. 
Ausdrucksphase als Integrationsbrücke: In vielen holotropen Traditionen folgt auf die Atemphase eine kreative Verarbeitung (häufig Mandala-Zeichnung) und ein Sharing. Das ist keine Esoterik-Deko, sondern eine Übersetzungsleistung: vom Erleben in eine Form, die integrierbar wird. 
Körperarbeit – nur wenn sie passt: Holotropes Atmen kann (nicht muss) mit unterstützender Körperarbeit arbeiten, um Spannungen zu begleiten und Prozessimpulse zu unterstützen. Entscheidend ist dabei die Ethik: Körperarbeit ist nicht „machen“, sondern antworten, wenn der Prozess danach ruft.
Was es unterstützen kann
Menschen kommen selten „wegen Bewusstseinsforschung“. Sie kommen, weil sie sich nach etwas sehnen, das im Alltag schwer erreichbar ist: Klarheit, Entlastung, emotionale Wahrheit, Sinn, eine tiefere Verbindung zum eigenen Körper.
Holotropes Atmen kann dabei unterstützen,
Stress- und Belastungsmuster spürbar zu machen (und damit veränderbar),
emotionale Prozesse zu bewegen, ohne sie zerreden zu müssen,
biografische Themen in einem Erfahrungsraum auftauchen zu lassen, in dem sie „zu Ende fühlen“ dürfen,
existenzielle Fragen (Sinn, Verbundenheit, Sterblichkeit) nicht als Gedankenspiel, sondern als gelebte Innenschau zu berühren.
Breathwork als Feld zeigt in Meta-Analysen randomisierter Studien im Mittel Verbesserungen bei Stress und mentalen Belastungsmaßen; die Studien sind heterogen, aber die Richtung ist relevant genug, um Breathwork als ernstzunehmende Praxis der Selbstregulation einzuordnen.
Und doch bleibt die wichtigste Einordnung holotrop: Das „Was“ entsteht im Prozess. Der Wert zeigt sich oft erst danach – in dem, was sich im Leben anders anfühlt: weniger Enge, mehr Kontakt, klarere Grenzen, mehr Mut zur Wahrheit.
Was sich zeigen kann
Eine wesentliche Einordnung vorab: Holotropes Atmen ist kein Leistungsraum, kein Verfahren zur gezielten Selbstoptimierung und auch kein substanzfreier Trip. Es ist auch keine analytische Methode, bei der Einsichten primär über Denken oder kognitive Reflexion entstehen.
Vielmehr kann eine Atemreise einen erfahrungsbasierten, nicht‑analytischen Zugang zum eigenen Inneren eröffnen, wenn man sich darauf einlässt. Sie kann unterstützen, was man in der Psychologie und Achtsamkeitsarbeit als Innenschau bezeichnet: Das bewusste Wahrnehmen innerer Prozesse – körperlicher, emotionaler, mentaler oder seelischer Natur – die im Unterbewusstsein wirken und unseren Alltag oft unbemerkt prägen.
Die Atemarbeit produziert dabei keine Erfahrungen. Sie schafft nur einen Raum, in dem sich zeigen darf, was ohnehin (im Unterbewusstsein) vorhanden ist – und gesehen werden will. Die Spannbreite der Erlebnisse und Eindrücke ist dabei so breit, wie der menschliche Erfahrungsraum und vor allem die eigene Kontrollinstanz es zulässt.
Schematisch lassen sich die Erfahrungen aber folgenden sieben Arten zuordnen:
Gesteigerte Körperempfindungen und -aktivität
Verstärktes emotionales Empfinden
Aufkommen von inneren Bildern und Szenen
Veränderte Selbst- und Zeitwahrnehmung
Spontane Eingebungen
Energetische Wahrnehmungen
Stille, Leere, Nicht-Erleben
Grundlegend dabei: Alles, was sich zeigt, ist normal. Alles kann passieren, aber nichts davon muss passieren.
Wie eine holotrope Sitzung abläuft
1) Ankommen: Rahmen, Sicherheit, innere Erlaubni
Ein gutes holotropes Setting beginnt nicht mit Intensität, sondern mit Orientierung: klare Hinweise, Selbstbestimmung, Stop-Optionen, verantwortungsvolle Aufklärung.
2) Die Atemphase: Atem + Musik + innerer Prozess
Die Teilnehmenden liegen meist mit geschlossenen Augen. Der Atem ist beschleunigt/vertieft – nicht als sportliche Leistung, sondern als Zustandsträger. Die Musik wirkt dabei wie eine zweite Sprache: Sie führt nicht inhaltlich, aber sie hält Dynamik.
3) Begleitung: Sitters, Facilitators, Raum halten
Sitter bleiben präsent. Facilitators achten auf Sicherheit, unterstützen bei Bedarf und halten die Gruppe. Berührung/Bodywork – wenn überhaupt – ist eingebettet in klare Zustimmung und Prozesslogik.
4) Landen: Nachruhe, dann Ausdruck & Sharing
Viele holotrope Formate geben Raum für Nachruhe und anschließende kreative Verarbeitung (z. B. Mandala) sowie Sharing. Das verhindert, dass ein intensives Erleben als „Peak ohne Boden“ stehen bleibt.
Wann Holotropes Atmen passen kann – und wann du besser pausierst
Viele Menschen nutzen Holotropes Atmen, weil es ihnen helfen kann, Stressmuster zu erkennen, Emotionen zu bewegen, Körperwahrnehmung zu vertiefen oder festgefahrene innere Narrative zu lockern. Das sind keine Garantien, aber häufige Motive – und sie passen zu dem, was Breathwork-Interventionen in Studien insgesamt nahelegen (Verbesserungen bei Stress und psychischer Belastung, im Mittel).
Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen ein intensives Atemformat schlicht nicht passend ist – entweder vorübergehend oder grundsätzlich. Ein Teil davon sind klassische Kontraindikationen (Herz-Kreislauf-Themen, Epilepsie, Schwangerschaft, bestimmte schwere psychische Vorbelastungen). In aktueller Forschung zu circular breathwork wurden vergleichbare Kriterien auch als Ausschluss berücksichtigt.
Mindestens genauso wichtig sind „Kontra-Settings“: zu große Gruppen ohne Assistenz, Formate mit Durchbruchs-Druck, fehlende Aufklärung oder kein Raum für Integration. Wenn ein Setting Menschen subtil dazu bringt, über Grenzen zu gehen, ist das ein Warnsignal – egal wie schön die Sprache klingt.
Mythen rund ums holotrope Atmen
Mythos 1: „Je stärker der Körper reagiert, desto tiefer die Wirkung.“
Körperreaktionen können Teil des Prozesses sein – sie sind aber kein Gütesiegel. Manches ist schlicht physiologische Intensität.
Mythos 2: „Holotrop ist einfach Rebirthing mit besserer Musik.“
Holotropes Atmen ist ein System: Rollenstruktur, Musikbogen, Nacharbeit, Prozessethik. Gerade das macht den Unterschied.
Mythos 3: „Wenn nichts passiert, war es wirkungslos.“
Stille kann ein Regulationsraum sein. Gerade Menschen mit hoher innerer Anspannung erleben „weniger“ manchmal als den ersten echten Kontakt zu Ruhe.
Mythos 4: „Ein einziges Erlebnis verändert alles.“
Manchmal gibt es Wendepunkte. Häufiger ist es ein Prozess: kleine Verschiebungen, die sich über Wochen als neue Handlungsfreiheit zeigen.
-
Sinngemäß „in Richtung Ganzheit“ – ein Begriff, den Grof für Zustände geprägt hat, die integrative Prozesse unterstützen können.
-
Im holotropen Rahmen: Musikbogen, Set-und-Setting, Rollen (Breather/Sitter), Integration und ggf. Bodywork als Teil eines Gesamtsystems.
-
Es kann intensiv sein. Darum gibt es Kontraindikationen (z. B. Schwangerschaft, Epilepsie, relevante Herz-Kreislauf-Risiken, schwere Instabilität) und die Empfehlung, nur in gut geführten Settings teilzunehmen.
Mehr zu den Kontraindikationen findest du hier.
-
Nein. Manche erleben transpersonale Qualitäten, andere emotionale oder körperliche Prozesse, andere Ruhe. Alles ist möglich, nichts ist Pflicht.
Fazit
Holotropes Atmen ist eine seltene Kombination: Strukturiert und zugleich offen. Es ist ein Erfahrungsraum, der Tiefe zulässt – und genau deshalb einen Rahmen braucht, der Sicherheit und Würde schützt.
Nächster Schritt: Selber erfahren – oder professionell lernen
Wenn du transformative Atemarbeit, inspiriert durch Holotropes Atmen und Rebirthing verstehen willst, reicht Theorie nur begrenzt: Es ist eine Praxis, die man am besten in einem sauberen Setting erlebt. Wenn du neugierig bist, ist ein Workshop ein sinnvoller Einstieg.
Quellen
Grof, S. (PDF): Holotropic Breathwork (Komponenten: Atem, Musik, Bodywork; theoretische Einbettung)
Grof, S. (1985). Beyond the Brain
Havenith, M. N. et al. (2025): Circular breathwork (Holotropic & Conscious Connected) und CO₂/ASC (Nature).
Fincham, G. W. et al. (2023): Meta-Analyse RCTs zu Breathwork und Stress/Mental Health (Scientific Reports / PubMed)
Walch, S. (2002). Dimensionen der menschlichen Seele
Grof, S., & Grof, C. (2010). Holotropic Breathwork: A New Approach to Self-Exploration and Therapy