Rebirthing Breathwork nach Leonard Orr – Was der verbundene Atem in Bewegung bringt
© Johannes Plenio
Rebirthing Breathwork ist eine Form von Breathwork mit „verbundenem Atem“ (Conscious Connected Breathing), die in den 1960er/70er Jahren durch Leonard Orr geprägt wurde. Ziel ist Selbsterfahrung: Über Atem, Körperwahrnehmung und emotionale Prozesse können sich innere Themen zeigen – von Stressmustern bis zu intensiven biografischen oder symbolischen Erfahrungen.
Dieser Artikel beleuchtet den Ursprung und Mehrwert von Rebirthing, erklärt, wie eine Sitzung ganz allgemein abläuft und was man dabei erleben kann.
Wo Rebirthing herkommt: Leonard Orr und die Wurzeln einer Atembewegung
Rebirthing ist in der westlichen Selbsterfahrungsbewegung der 1970er Jahre groß geworden. Leonard Orr hat die Methode popularisiert und mit einem zentralen Versprechen verbunden: Der Atem als Zugang zu tieferen Schichten des Erlebens – dort, wo Körper, Gefühl und Erinnerungsfragmente oft schneller sind als der Verstand.
In der Entstehungsgeschichte der Methode spielt eine Szene eine zentrale Rolle: Orr beschreibt, dass er beim Atmen in warmem Wasser eine Art „Wiedergeburts“-Erlebnis hatte – und daraus eine Praxis entwickelte, die sich um Conscious Connected Breathing (verbundene Atmung) formte. Rebirthing entstand also nicht in einem klinischen Labor, sondern in einer Selbsterfahrungs-Kultur, die nach direkten Zugängen zu innerer Entwicklung suchte.
Rebirthing gilt neben Holotropic Breathwork als eine der beiden grundlegenden Formen der transformativen Atmearbeit. Es ist heute Teil einer breiteren Landschaft, dessen Spektrum von sanften, somatisch orientierten Formaten bis zu intensiven „Atemreisen“ reicht. Der gemeinsame Nenner: Atem wird nicht nur als physiologische Funktion verstanden, sondern als Hebel für Bewusstheit und Selbstregulation – manchmal auch als Katalysator für emotionale Prozesse.
Was Rebirthing ist: Eine einfache Praxis mit großer Tiefe
Rebirthing Breathwork ist eine Praxis der bewusst verbundenen Atmung, bei der Ein- und Ausatmen ohne deutlich spürbare Pause ineinander übergehen. Häufig wird über längere Zeit in einem gehaltenen Setting geatmet (oft grob im Bereich von 60–120 Minuten Atemphase, je nach Format).
In der Sprache der transpersonalen Psychologie wäre das nicht „nur eine Technik“, sondern ein Weg in einen nicht-alltäglichen Bewusstseinsraum. In der Sprache moderner Forschung ist es eine Form von circular breathwork, die messbare physiologische Veränderungen (u. a. CO₂-Parameter) mit subjektiven Zustandsveränderungen koppeln kann.
Wie Rebirthing erwachsen wurde: Von „Rebirth“ zur verantwortungsvollen Praxis
Der Ursprung ist eine Mischung aus Erfahrungsweg, Atemrhythmus und Deutung: „Rebirth“ als Metapher für Neubeginn, für das Lösen alter Prägungen, für einen Kontakt zu dem, was im Menschen tiefer liegt als Story und Selbstbild.
Heute hat sich der Kontext verändert. Drei Dinge sind dazugekommen:
Mehr Prozesskompetenz: Schulen wie Holotropic/Grof-Breathwork haben den Stellenwert von Setting, Musikbogen, Rollen (Breather/Sitter) und Integration stark betont. Grof beschreibt die Entwicklung holotroper Atemarbeit ab 1975 am Esalen Institute als bewusstes, drogenfreies Verfahren, um „holotrope Zustände“ (Ganzheit) zu ermöglichen.
Mehr therapeutische Einbettung: Im deutschsprachigen Raum steht Sylvester Walch exemplarisch für eine Haltung, die Atemarbeit in eine psychotherapeutisch und spirituell reflektierte Praxis stellt – nicht als Event, sondern als Entwicklungsweg mit Ethik, Verantwortung und „innerer Weisheit“ als Prozessprinzip.
Mehr physiologisches Verständnis: Neuere Studien zu circular breathwork zeigen, dass sinkende CO₂-Sättigung während des verbundenen Atmens mit der subjektiven Tiefe veränderter Bewusstseinszustände zusammenhängen kann. Das liefert keinen „Beweis“ für Deutungen – aber eine tragfähige Brücke zwischen Erleben und Messbarkeit.
Warum Menschen Rebirthing suchen: Stress, Emotion, Sinn – und was realistisch is
Menschen kommen zu Rebirthing aus unterschiedlichen Gründen. Häufige Motive sind:
Stress und innere Enge: ein Wunsch nach Entlastung, nach Weite, nach einem Reset des Nervensystems.
Emotionale Themen: Dinge, die „im Kopf“ verstanden sind, aber im Körper weiterziehen.
Selbsterfahrung und Sinnfragen: nicht als Eskapismus, sondern als ehrliche Innenschau.
Was kann Rebirthing dabei leisten?
Es kann helfen, Körperwahrnehmung zu vertiefen und emotionale Prozesse unmittelbarer zu erleben – nicht als Erzählung, sondern als Bewegung.
Es kann helfen, festgefahrene Muster kurzfristig zu lockern, weil Atemrhythmus, Aufmerksamkeit und Setting einen anderen inneren Zustand erzeugen als Alltag.
Viele berichten nach gut gehaltenen Sessions von mehr Klarheit, „geordnetem Gefühl“, oder einer spürbaren Verschiebung in Richtung Selbstkontakt.
Was sich zeigen kann: Wenn Atem zum Erfahrungsraum wird
Eine wesentliche Einordnung vorab: Rebirthing ist kein Leistungsraum, kein Verfahren zur gezielten Selbstoptimierung und auch kein substanzfreier Trip. Es ist auch keine analytische Methode, bei der Einsichten primär über Denken oder kognitive Reflexion entstehen.
Vielmehr kann eine Atemreise einen erfahrungsbasierten, nicht‑analytischen Zugang zum eigenen Inneren eröffnen, wenn man sich darauf einlässt. Sie kann unterstützen, was man in der Psychologie und Achtsamkeitsarbeit als Innenschau bezeichnet: Das bewusste Wahrnehmen innerer Prozesse – körperlicher, emotionaler, mentaler oder seelischer Natur – die im Unterbewusstsein wirken und unseren Alltag oft unbemerkt prägen.
Die Atemarbeit produziert dabei keine Erfahrungen. Sie schafft nur einen Raum, in dem sich zeigen darf, was ohnehin (im Unterbewusstsein) vorhanden ist – und gesehen werden will. Die Spannbreite der Erlebnisse und Eindrücke ist dabei so breit, wie der menschliche Erfahrungsraum und vor allem die eigene Kontrollinstanz es zulässt.
Schematisch lassen sich die Erfahrungen aber folgenden sieben Arten zuordnen:
Gesteigerte Körperempfindungen und -aktivität
Verstärktes emotionales Empfinden
Aufkommen von inneren Bildern und Szenen
Veränderte Selbst- und Zeitwahrnehmung
Spontane Eingebungen
Energetische Wahrnehmungen
Stille, Leere, Nicht-Erleben
Grundlegend dabei: Alles, was sich zeigt, ist normal. Alles kann passieren, aber nichts davon muss passieren.
So läuft eine Session ab: Ankommen, Atmen, Landen, Integrieren
Ein gutes Rebirthing-Setting fühlt sich nicht technokratisch an. Es fühlt sich eher an wie eine klare, ruhige Choreografie, die dir erlaubt, dich auf Erfahrung einzulassen.
1) Ankommen und Rahmen
Du verstehst, was passieren kann, wie du dich regulieren darfst, was deine Stop-Optionen sind. Du klärst kurz: Was ist heute wesentlich? Nicht als Ziel („Ich will X lösen“), eher als Haltung („Ich will ehrlich da sein“).
2) Atemreise mit verbundenem Atem
Der verbundene Atem baut eine Dynamik auf. Manche Prozesse werden körperlich: Wärme/Kälte, Kribbeln, Spannung. Andere werden emotional. Die Begleitung ist nicht „Steuerung“, sondern Containment: Sicherheit halten, erinnern, Optionen geben, nicht pushen.
3) Nachruhe: Der unterschätzte Teil
Nach dem Atem braucht es Zeit. Viele Prozesse integrieren sich nicht durch Worte, sondern durch Stillwerden.
4) Integration und Sinngebung
Sharing, Schreiben, kreative Verarbeitung – nicht als Pflicht, sondern als Brücke. Was nehme ich mit? Was ändere ich konkret? Was lasse ich einfach wirken?
Wann Rebirthing passen kann – und wann du besser pausierst
Viele Menschen nutzen Rebirthing, weil es ihnen helfen kann, Stressmuster zu erkennen, Emotionen zu bewegen, Körperwahrnehmung zu vertiefen oder festgefahrene innere Narrative zu lockern. Das sind keine Garantien, aber häufige Motive – und sie passen zu dem, was Breathwork-Interventionen in Studien insgesamt nahelegen (Verbesserungen bei Stress und psychischer Belastung, im Mittel).
Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen ein intensives Atemformat schlicht nicht passend ist – entweder vorübergehend oder grundsätzlich. Ein Teil davon sind klassische Kontraindikationen (Herz-Kreislauf-Themen, Epilepsie, Schwangerschaft, bestimmte schwere psychische Vorbelastungen). In aktueller Forschung zu circular breathwork wurden vergleichbare Kriterien auch als Ausschluss berücksichtigt.
Mindestens genauso wichtig sind „Kontra-Settings“: zu große Gruppen ohne Assistenz, Formate mit Durchbruchs-Druck, fehlende Aufklärung oder kein Raum für Integration. Wenn ein Setting Menschen subtil dazu bringt, über Grenzen zu gehen, ist das ein Warnsignal – egal wie schön die Sprache klingt.
Vier typische Mythen zu Rebirthing
Mythos 1: „Wenn es kribbelt oder krampft, ist es besonders tief.“
Körperphänomene können Teil des Prozesses sein – sind aber kein Qualitätsstempel. Oft sind sie schlicht physiologische Folgen intensiver Atmung.
Mythos 2: „Es muss eine Wiedergeburts-Story passieren.“
Manche erleben symbolische Sequenzen, andere erleben Ruhe. Beides kann wertvoll sein. Der Prozess ist nicht reproduzierbar wie ein Experiment – und genau deshalb braucht er gute Führung.
Mythos 3: „Wenn nichts passiert, war es wirkungslos.“
Stille kann ein Regulationsraum sein. Gerade Menschen mit hoher innerer Anspannung erleben „weniger“ manchmal als den ersten echten Kontakt zu Ruhe.
Mythos 4: „Ein Peak löst das Leben.“
Ohne Integration bleibt es oft ein Peak. Mit Integration kann es ein Wendepunkt werden.
Woran du ein gutes Setting erkennst: weniger Versprechen, mehr Haltung
Ein gutes Rebirthing-Angebot erkennt man selten an großen Versprechen, sondern an kleinen Signalen: Du wirst vorab verständlich aufgeklärt. Es gibt die Möglichkeit, Intensität zu regulieren. Grenzen sind willkommen, nicht störend. Nach der Session ist Zeit eingeplant, statt dass alle sofort „funktionieren“ sollen. Und die Begleitung wirkt wie ein ruhiger Rahmen – nicht wie eine Dramaturgie, die dich in ein Ergebnis schiebt.
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Verbundene Atmung über längere Zeit in einem gehaltenen Setting, das Selbsterfahrung und innere Prozesse unterstützen kann.
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Beides wird oft als Circular Breathwork eingeordnet. Holotrope Traditionen sind meist stärker formalisiert (Rollen, Musikbogen, Integration).
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Nein. Manche erleben symbolische Sequenzen, andere vor allem Ruhe oder Klarheit. Entscheidend ist, was sich integriert.
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Häufig liegt die Atemphase im Bereich von etwa 60–120 Minuten, plus Ankommen, Nachruhe, Integration.
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Viele nutzen Breathwork zur Selbstregulation. Meta-Analysen zu Breathwork-Interventionen zeigen im Mittel Verbesserungen bei Stress/Belastung (heterogene Studienlage).
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Wenn du körperlich oder geistig nicht “normal” belastbar bist, d.h. Erkrankungen vorliegen – oder wenn das Setting keinen sicheren Rahmen bietet.
Mehr zu Voraussetzungen und Kontraindikationen findest du hier.
Fazit
Rebirthing ist eine Methode, die schlicht beginnt – und oft tief endet: nicht weil sie Wunder verspricht, sondern weil sie einen Erfahrungsraum öffnet, in dem Körper, Psyche und Bewusstsein anders zusammenarbeiten als im Alltag. In einer reifen Praxis ist das keine Show, sondern eine Einladung: ehrlich wahrnehmen, durchleben, integrieren.
Nächster Schritt: Selber erfahren – oder professionell lernen
Wenn du transformative Atemarbeit, inspiriert durch Holotropes Atmen und Rebirthing verstehen willst, reicht Theorie nur begrenzt: Es ist eine Praxis, die man am besten in einem sauberen Setting erlebt. Wenn du neugierig bist, ist ein Workshop ein sinnvoller Einstieg.
Quellen
Orr, L. (1977). Rebirthing in the New Age
Grof, S. (1985). Beyond the Brain
Walch, S. (2002). Dimensionen der menschlichen Seele
Grof, S., & Grof, C. (2010). Holotropic Breathwork: A New Approach to Self-Exploration and Therapy